LOST HIGHWAY
(Lost Highway, 1997)
Regie: David LYNCH
Cast: Bill PULLMAN, Patricia ARQUETTE, Robert BLAKE, Robert LOGGIA, Balthazar GETTY, Jack NANCE ...
Link zu meiner DVD-Sammlung
Wikipedia
IMDb-Rating: 7.5/10
Meine Bewertung:
5/5
All-Time-High
In den nächsten Tagen wird endlich eine würdige VÖ von
TWIN PEAKS in meinem Postkasten landen und die Fieberkurve unter den Peak Freaks ist massiv im Steigen. Dieses Fieber ist auch an mir nicht spurlos vorüber gegangen ... ich bin schon wieder infiziert vom
David LYNCH Virus. Da kam ein Blick in das Fernsehprogramm des gestrigen Tages ganz recht ... mein Blick fiel auf
LOST HIGHWAY ... und schon war alles klar! Ab ins Heimkino ... DVD eingelegt und los gings ... zum wiederholten Male eine Reise in die Mysterien eines Films des Meisters!!!
Zitat:
A 21st Century Noir Horror Film.
A graphic investigation into parallel identity crises.
A world where time is dangerously out of control.
A terrifying ride down the lost highway.
[David LYNCH, 21. Juni 1995]
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LOST HIGHWAY ist zurecht in den Top 3 meines persönlichen All-Time-High Rankings und somit für mich der beste Film von
David LYNCH. INLAND EMPIRE mag vielleicht noch eine Spur schwieriger zu "erfassen" sein, aber auch zu
LOST HIGHWAY gibt es diverseste Interpretationen. Allen Lynchians sind diese Interpretationen sicherlich bekannt und teilweise haben diese beinahe akademischen Charakter (siehe z.B.
Robert BLANCHET: Circulus Vitiosus).
Bezüglich der Gesamtkonzeption kann ich der Analyse von
Robert BLANCHET auch sehr viel abgewinnen: Dieser beschreibt den Film als Möbiusschleife ... als kreisförmiges Gebilde, das kein Ende kennt, wobei aber nach der Kreisbewegung nicht wieder von vorne begonnen wird, sondern eine Veränderung stattgefunden hat. "They're living the same relationship, but they're living it in two different ways. They're victims in different ways, in both worlds." beschreibt auch
LYNCH seinen Film ganz ähnlich.
Die Tagline von CiBy 2000 zum Film lautete
A PSYCHOGENIC FUGUE. Ob gewollt oder auch nicht so beschreibt diese Tagline den Film sehr gut ... "psychogen" bedeutet "seelisch bedingt" ... während "Fuge" primär ein musikalischer Begriff ist: Ein Thema setzt ein und wird von einem zweiten abgelöst, während das erste Thema als Kontrapunkt begleitend weiterläuft (siehe auch
LYNCH ON LYNCH, S. 319). Allerdings gilt dies wieder nur für die Gesamtkonzeption des Films und nicht als Interpretation einzelner Handlungsstränge. Wäre nur "eine psychogene Fuge" das Problem von Fred, wie könnte man dann eine neue Familie, einen anderen Körper und andere Fingerabdrücke erklären???
Dem Drehbuch hat uns der Meister ein kurzes Vorwort vorangestellt:
Zitat:
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LOST HIGHWAY ist die Geschichte eines Killers, der an akuter Schizophrenie leidet. Der Film übernimmt die Perspektive der verschiedenen Persönlichkeiten des Killers. Diese ungewöhnliche Methode wird nach und nach deutlich, während die Geschichte voranschreitet. Auf der offensichtlichsten Ebene ist LOST HIGHWAY die Geschichte eines Mannes, der seine Frau ermordet, weil sie ihn betrügt. Die tieferen Ebenen handeln von der zersplitterten Persönlichkeit des Mörders und decken eine Spanne von Emotionen und Motivationen ab: Wut, Angst, Traurigkeit und Erniedrigung, die alle zusammen zeigen, mit welcher Macht der Verstand in der Lage ist, sich selbst zu täuschen. Der Verstand schaltet sich aus, wenn der Horror des Lebens und der Horror der eigenen Handlungen unerträglich werden.
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Und wieder zum Thema Möbiusschleife beschreibt auch
Patricia ARQUETTE den Film:
Zitat:
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One of my characters is this man's wife, who's always sort of afar, and there's always this...the divorce word is always between them but they never say it. The more he needs her sex, the less she gives him. The more he needs her love, the less she has for him. It's a sort of dead relationship, this cold, adversarily relationship. He kills her and then he recreates himself as this young veral guy and has this girlfriend who needs him and wants to sleep with him and loves him and wants him to save her. But his whole fantasy again turns to shit because he's just a sick man!
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Nur eine von vielen Interpretationsansätzen zum Gesamtkontext habe ich versucht ein wenig zu veranschaulichen ... eben jene, welche auch meiner Fantasie am ehesten entspricht. Letztlich ist der Film nur schwer abschließend zu interpretieren, da er eine Vielzahl möglicher Interpretationsansätze bietet. So kann er sowohl psychologisch als Traum-Phantasie und Seelenbild eines unglücklichen Saxophonspielers gelesen werden, wie auch als Mystery- oder Horrorfilm mit „realen“ Ereignissen. Aber in den Worten des Meisters gesagt: Man KÖNNE den Film interpretieren, aber man SOLLE es NICHT tun, sondern ihn in seiner Bildgewalt wirken lassen!
Aber der "normale" Filmseher will eben jedes einzelne Element des Films auf Anhieb verstanden wissen, weshalb die Meisterwerke von
David LYNCH auch selten ein breites Publikum finden. Dabei gäbe es so viele Orte, an welche man sich beim Ansehen solch fantastischer Werke begeben könnte, auch ohne die einzelnen Elemente des Films auf den kleinsten gemeinsamen Nenner vereinen und verstehen zu können ...
... die Welt der Irritation
Das Verwirrspiel durch den Verzicht auf logisch aufeinander aufbauender Handlungsschritte und das Spiel mit der zeitlichen Abfolge der Geschichten verlangt vom Zuschauer viel Geduld und Konzentration, aber vor allem den Willen ab, sich auf solch apokalyptische Reisen durch die filmischen Möglichkeiten einzulassen. Dabei geht es
David LYNCH aber nicht um Irritation oder Verwirrung, sondern darum das Geheimnis spürbar zu machen und solange wie möglich zu behalten.
... Bildgewalt
Aber auch Freunde von bildgewaltigen Filmen kommen bei
LOST HIGHWAY (aber auch bei allen anderen Filmen von
David LYNCH) auf ihre Kosten. Die intelligent konstruierten Szenen unterliegen einer eigenen Farbgebung und werden fast immer ins Schwarze abgeblendet. Eine Technik, welche für
David LYNCH typisch ist und ansonsten beinahe nicht mehr verwendet wird. Die Kameraführung nimmt ungewöhnliche Positionen ein und bietet dem Zuseher eine sprichwörtliche Draufsicht auf die Charaktere. Und warum
David LYNCH schon seit Jahrzehnten mit
Mary SWEENEY zusammen arbeitet, sieht man auch in
LOST HIGHWAY überdeutlich. Jede Szene ist perfekt geschnitten und ist mit ein Erfolgsgarant für die einzigartige Atmosphäre von Filmen des Meisters.
... fantastischer Score
Auch der Score dient
LYNCH immer als Instrument der Inszenierung. Musik wird als Stilelement bewusst eingesetzt und dient bei
LYNCH nie der reinen Untermalung. Niemand anderer kann aus einer völlig belanglosen Szene nur mit dem richtigen Toneinsatz einen psychosomatischen Horrortrip erstellen.
... die Charaktere und deren Darsteller
Neben dem einzigartigen Stil von
LYNCH, einen Film auf der Leinwand zu
präsentieren und wirken zu lassen, so fesseln auch die Figuren von
LOST HIGHWAY. Für jeden einzelnen Charakter immer den richtigen Darsteller zu finden ist eine Kunst, welche auch nur wenige beherrschen.
David LYNCH gehört hier sicherlich dazu!
Bill PULLMAN wurde die Figur des Fred Madison wahrlich auf den Leib geschrieben. Angeblich hatte
LYNCH während des Schreibens des Scripts sogar
PULLMAN als Darsteller im Kopf ... eine perfekte Entscheidung. Aber auch
Patricia ARQUETTE spielt ihre Rolle einfach nur grandios und weiß in jeder Szene (nicht nur äußerlich) zu überzeugen. Und bei seinen Storytellern hat
LYNCH sowieso ein goldenes Händchen. War es
Michael J. ANDERSON, der als Man From Another Place in
TWIN PEAKS überzeugen konnte, so war
Robert BLAKE die einzig wahre Möglichkeit, den Mystery Man in
LOST HIGHWAY zu spielen.
Man hätte
LOST HIGHWAY auch in einem Satz beschreiben können: A complete integration of music, painting, architecture, poetry and drama that fuse to form a spectacle that is grander than the sum of its parts ... aber wer will das schon