I'M NOT THERE
(I'm not there, 2007)
Regie: Todd HAYNES
Cast: Cate BLANCHETT, Ben WHISHAW, Christian BALE, Richard GERE, Marcus Carl FRANKLIN, Heath LEDGER, Julianne MOORE, Bruce GREENWOOD ...
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Wikipedia
Film-Review von MEMENTO
Diskussionsthread im Forum
IMDb-Rating: 7.7/10
Meine Bewertung:
5/5
Eines meiner Lieblingsgenres sind biografische Verfilmungen jeglicher Art und Weise. Und neben einigen anderen sehr guten Umsetzungen in den letzten Jahren waren auch zwei mehr als gelungene Biopics aus der Musikbranche dabei: Die Verfilmung des Lebens von
Ray CHARLES in
RAY und
WALK THE LINE über den Country-Sänger
Johnny CASH. Beides waren beinahe minutiös nachgezeichnete Biografien in chronologischer Abfolge unter Einbehaltung der herkömmlichen Genrekonventionen.
Regisseur
Todd HAYNES hat aber schon in seinem Film
VELVET GOLDMINE in einem fiktiven Film über das Leben von
David BOWIE gar nicht erst riskiert, dieses minutiös nach zu zeichnen. Und eben so wenig begab er sich auf eine sowieso zum Scheitern verurteilte Mission, die nicht minder wendungsreiche Biografie von
Bob DYLAN zu verfilmen.
I'M NOT THERE ist somit kein Biopic nach dem Muster der beiden erwähnten. Mehr noch ...
I'M NOT THERE hat auch mit einem klassischen Erzählkino genau nichts gemeinsam, denn
Todd HAYNES hat einfach alle konventionellen Regeln eines Biopics über den Haufen geworfen und etwas völlig Neues produziert!
In sechs verschiedenen Handlungssträngen werden in
I'M NOT THERE einerseits reale und verbürgte, aber auch abstrakte bzw. philosophische Abschnitte und Szenen aus dem Leben von
Bob DYLAN präsentiert. Diese verschiedenen Handlungsstränge werden nicht nur parallel erzählt.
Todd HAYNES ging noch einen Schritt weiter, denn in jedem dieser sechs Stationen des Lebens von
Bob DYLAN wird dieser von einem anderen Darsteller verkörpert, jeweils verschiedene Aufnahmetechniken verwendet und in verschiedene Genres verpackt, wodurch ein (gewolltes) Durcheinander den Film beherrscht ... was aber nicht heißen soll, dass man völlig den Überblick verliert. Ganz im Gegenteil!
Die Biografie von
Bob DYLAN lest sich tatsächlich wie die eines extrem wandlungsfähigen Chamäleons.
DYLAN wurde als
Robert Allan ZIMMERMANN geboren. Seine Eltern waren ukrainisch-jüdische Immigranten, aber nach einem religiösen Erweckungserlebnis wandte er sich dem Christentum zu und predigte bei Auftritten von der Bühne herab. Seine Musikkarriere, welche für ihn schon sehr früh feststand ("Ich wollte immer schon Gitarrist und Sänger sein. Seit ich zehn, elf oder zwölf war, war das das einzige, was mich interessierte"), begann er als Folksänger. Aber
DYLAN schöpft aus einem riesigen Fundus traditioneller, populärer amerikanischer Musik von Folk über Country bis zu Gospel, Blues und Rock ’n’ Roll. Sein Leben und Werk ist von zahlreichen Brüchen und Wendungen durchzogen, die von seinem Publikum auch kritisch betrachtet worden sind, welche aber tatsächlich oft eine erhebliche Quelle der Erneuerung seiner kreativen Inspiration und der modernen Musik darstellten ... und aus ihm einen der einflussreichsten Musiker aller Zeiten machten.
Van Morrison, The Beatles, Steely Dan, Bruce Springsteen, Jimi Hendrix und
Nick Cave ... aber auch
Wolfgang Ambros und
Falco bekannten sich dazu, dass sie von
Bob DYLAN beeinflusst wurden bzw. ihn sogar zum Vorbild hatten. Aber nicht nur als Musiker wurde
DYLAN bekannt ... auch seine Gedichte und Zeichnungen!
Aber was wären wundervolle und ausdrucksstärke Bilder ohne überzeugende Darsteller??? Aber auch diese Aufgabe wurde mit Bravour gelöst!!! Bis in die kleinste Nebenrolle finden sich hochkarätige Darsteller, aber vor allem natürlich die sechs Hauptdarsteller stehen im Mittelpunkt. Ob nun der junge
Marcus Carl FRANKLIN oder
Christian BALE (bekanntermaßen einer meiner Lieblingsdarsteller)
, Richard GERE, Heath LEDGER und
Ben WHISHAW ... alle boten absolut überzeugende Darbietungen. Aber dass eine Frau als
Bob DYLAN überzeugen könnte, hätte wohl vor diesem grandiosen Film auch niemand gedacht!
Cate BLANCHETT überzeugt in einer für
Bob DYLAN sehr schwierigen Episode während seiner Europatournee, wo er sogar als Judas öffentlich beschimpft worden ist.
BLANCHETT spielt nochmals eine Klasse höher als alle weiteren Akteure und ist für diese Rolle höchst Oscar verdächtig.
Harvey WEINSTEIN wurde für die New York Times mit folgenden Worten zitiert: "Wenn
Cate BLANCHETT keine Oscar-Nominierung bekommt, erschieße ich mich." Ich bin überzeugt davon, dass ihm dies erspart bleiben wird.
Last but not least muss bei diesem stimmungsvollem Film über einen Musiker auch die Musik ausführlich erwähnt werden.
DYLAN hatte nie eine dem klassischen Schönheitsideal genügende, ausgebildete Singstimme. Seine Qualitäten als Sänger sind stark umstritten. Viele seiner Songs sind erst als Cover-Versionen zum Hit geworden.
Joan Baez, Eric Clapton, The Byrds, Rod Stewart, Van Morrison, Joe Cocker, Johnny Cash, Jimi Hendrix, Bryan Ferry (welcher heuer ein Album mit ausschließlich Liedern von
Bob DYLAN herausbrachte) und sogar
Elvis Presley sangen Songs von
Bob DYLAN. Und auch wenn die Musik zu
I'M NOT THERE schon konkreter war als die Handlung (wenn man überhaupt von einer Handlung sprechen darf), so war diese doch auch weit entfernt von einem normalen Soundtrack. Viele der im Film verwendeten Songs wurden von einer exquisiten Künstlerschar neu interpretiert. Kein einziger Song, nicht einmal
Antony & The Johnsons Sternstunde
KNOCKIN' ON HEAVENS DOOR oder das packende
DARK EYES der Co-Op
Iron & Wine mit
Calexico entfernt sich außer Sicht- bzw. Hörweite vom Original ... und trotzdem kann man eine stilistische Eigenwilligkeit erkennen, welche den Songs durchaus gut bekommt und so die jeweiligen Szenen perfekt untermalt.
Wer hätte das gedacht ... am 29. Dezember eines Jahres, in welchem ich einen neuen
David LYNCH Film zum ersten Mal gesehen habe und dieser mir auch noch großartig gefallen hat, muss ich doch nochmals meine Top-5 des Jahres 2007 umschreiben.
Todd HAYNES hat es mit diesem grandiosen und innovativen Film geschafft,
INLAND EMPIRE von der Spitze meiner persönlichen Jahresverwertung zu verdrängen!!!
I'M NOT THERE ist definitiv mein Film des Jahres 2007